Strasse der Helden Arbeit und Streben

 
   
   
   
                                       
       

allerhand Überraschungen...

       
                                       
                                       
                                       
    "Arbeit und Streben", lautet das Motto der Görlitzer Familie Schöne. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ihr Familienbetrieb zum Volkseigenen Betrieb, nach der Wende ist "Schöne Plastik" wieder in Familienbesitz. Johanna Lopinske, geb. Schöne, die selbsternannte Clan-Patriarchin, überwacht den Umbau der Schöne'schen Villa, die nach sozialistischer Nutzung als Kindergarten wieder in alter Pracht erstehen soll. Für den 8. Mai ist ein großer Ball anlässlich des Wiedereinzugs geplant. Und in den knapp vier Wochen, die bis dahin noch bleiben, erwarten die Familienmitglieder noch allerhand Überraschungen...

Kapitel für Kapitel lernt man die nahen und fernen Verwandten und Bekannten kennen, ein wahres Panoptikum in Sachen Typenlehre. Unsympathisch ist keiner; dafür sorgen schon die persönlichen Eitelkeiten, die den Figuren Profil verleihen, aber auch die DDR-spezifischen Charakteristika, die in westdeutschen Biographien schwer zu finden wären. (Andererseits: Meinem diffusen Eindruck nach hätte ein markanter Fiesling der Handlung nicht geschadet...)
Da ist z.B. Johanna Lopinske, die unbeirrbar die Fahne des kulturtragenden Bürgertums hochhält, komme, was da wolle. Ihr Mann Friedrich hingegen, parteitreuer (meistens) Genosse, kommt mit der schönen neuen Kapitalismus-Welt nicht mehr zurecht und richtet sich mit seinen Auszeichnungen und Medaillen im heruntergekommenen Schuppen eine Art Museum ein, in dem er die alten Zeiten wiederaufleben lässt -- in krassem Kontrast zu den Vorgängen draußen. Dann ist da noch die jüngere Generation: Christa, die frischgebackene Firmenchefin, treibt sich und die Belegschaft zu immer neuen Rekordleistungen an, während ihr Bruder Gerhard mit immer neuen halsbrecherischen Transaktionen den endgültigen Bankrott abwenden will (eigentlich fühlt er sich zum Dichter berufen; die Proben seines Talent deuten an, dass er als Autor ebenso unbegabt ist wie als Buchhalter...). Seine Frau Sabine ist tablettenabhängig, die Tochter Judith rebelliert gegen die Pläne ihrer Eltern und verbündet sich schonmal mit der Oma. Und Christas Tochter Cornelia hat himmelstürmende politische Ambitionen. Dann sind da noch Marek Schuster, ein polnischer Verwandter, der die Computer der Firma unter sich hat; Cornelias Freund Sebastian, ein Journalist aus dem Westen; der ziemlich abgehalfterte Fußballtrainer Kalle; der polnische Geschäftspartner und sein Enkel, der bei Schöne ein Praktikum der etwas anderen Art macht; verschiedene Lokalpolitiker, -journalisten sowie ein Banker; ein chinesischer Auftraggeber und, das Zuckerl auf dem Ganzen, ein schriller Besuch aus Südafrika. Vor allem aber ist da die Vergangenheit, oder genauer: die Vergangenheiten der einzelnen Figuren. Und diese Vergangenheiten fletschen immer wieder die Zähne und bescheren jedem mehr oder weniger ahnungslosen Familienmitglied sein ganz persönliches Damoklesschwert.

Man lernt die Protagonisten nach und nach kennen: Von Kapitel zu Kapitel wechselt die Erzählperspektive, jeder kommt mal dran und wartet mit neuen Überraschungen auf, die nun zwar der Leser kennt, die anderen Romanfiguren aber nicht. Manchmal wirken die Protagonisten daher wie Traumtänzer hart am Abgrund, aber wie alle Schlafwandler stürzen sie dann doch nicht ab. Meistens jedenfalls (Nur der südafrikanische Gast bleibt eine Blackbox in dieser Hinsicht). Andererseits spielt die Romanhandlung mitten im Leben, und aus diesem Kontrast bezieht "Arbeit und Streben" eben auch seinen Reiz. Denn, wie gesagt: Jedes Kapitel wickelt ein anderes Damoklesschwert aus: Zu den geladenen Gästen des großen Hausballs gehören z.B. auch Punker-Freunde der renitenten Judith; Gerhards waghalsige Finanzmanöver schlittern just in dem Moment endgültig aus der Kurve, als seine Schwester Christa für die Firma den definitiven Rettungsanker geworfen zu haben glaubt; ein prototypischer Hetero tappt im ungünstigsten Moment auf schwulen Abwegen, und die weiße Weste des angeblich 1945 in der Ukraine gefallenen Großvaters, damals Firmenchef, hat hässliche Flecken, die auch Cornelias politische Ambitionen sauber vermasseln können.
Am Ende wartet ein Happy End -- auf den ersten Blick jedenfalls. Wenn man die Situation genauer überdenkt, stellt man aber fest, dass all die vielen kleinen Damoklesschwerter nun zu einem riesengroßen zusammengeschmiedet sind -- ein wunderschöner Schluss-Clou, über den ich nicht mehr verraten will, der dem Buch aber den vierten Stern beschert.

Dieses veritable Durcheinander klingt vielversprechend, und "Arbeit und Streben" ist tatsächlich eine vergnügliche Lektüre. Das Vergnügen resultiert zunächst einmal aus den mitunter aberwitzigen Konstellationen, die sich locker aus der Romanhandlung selbst ergeben und daher auch nicht gekünstelt wirken. Für den Roman sprechen aber auch die z.T. wunderbar skurrilen und doch realistisch gezeichneten Protagonisten, ein ausgeprägter Sinn für Situationskomik und zahlreiche Pointen, die dem Leser öfters ein breites Grinsen entlocken...

Irene Weiser über "Arbeit und Streben", mehr auf Amazon

 

   
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
       
                                       
                       
 

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