Fiktion und Wirklichkeit Lesung und Stadtführung auf den Spuren fiktiver und historischer Figuren aus dem "Weiszheithaus" durch die Sonnenburger und über die ehemalige Rudolf-Mosse-Straße, Dauer ca. 2 Stunden
                       
Unsere Stadtwanderung führt von der Buchhandlung Neues Kapitel auf der Kopenhagener Straße bis zur Sonnenburger, dann in Richtung Süden bis zur Gaudystraße und auf der Rhinower wieder zurück zur Kopenhagener. Auf den wenigen Metern finden sich Spuren der Geschichte, die man in ihrer Fülle nur atemberaubend nennen kann. Wir gehen zunächst bis zur Nummer 11 und zu den Stolpersteinen für Gustav und Clara Seelig
 

weiter in Richtung Westen stehen wir vor dem Haus Nummer 13, das in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist:

   • weil es angesichts der intakten Fassade kaum zu glauben ist, dass dieses Haus im zweiten Weltkrieg einen schweren Bombentreffer erlitten hat:

rechts ein Foto aus dem Buch "Ich schlug meiner Mutter die brennenden Funken ab" - eine Sammlung von Aufsätzen und Erfahrungsberichten der Schülerinnen und Schüler des Prenzlbergs aus dem Jahre 1945

Kopenhagener Str 13

   • als krasses Beispiel für Gentrifizierung, Habgier und eine fehlgeschlagene Sanierung

   • und weil hier Dreharbeiten für Solo Sunny stattfanden:
Solo Sunny
Blick über den Innenhof und die Ringbahn Richtung Norden

ein Vergleich der Luftbilder von 1928 und 1953 zeigt die Zerstörungen rund um die Kreuzung der Sonnenburger und Kopenhagener Straße:

       
           
Kopenhagener Str.13 1928 Kopenhagener Str.13 1953
Luftbild von 1928 Luftbild von 1953
links von der Bildmitte jeweils die Kreuzung der Kopenhagener (Ost-West, hier links-rechts)
mit der Sonnenburger Straße (Nord-Süd, hier oben - unten), in der rechten Bildhälfte der Abzweig Rhinower Straße
(nach Süden, hier: unten)
von der Kreuzung aus das vierte Haus
auf der nördlichen (oberen)
Seite der Kopenhagener ist die Nummer 13
von dem nach dem Krieg eine Häfte des Vorderhauses fehlt
(die weit größere Lücke rechts daneben sind die Häuser Nr. 11 (Gustav Seeligs Haus)  und 12

ebenfalls auf den Luftbildern zu sehen:
1928 gibt es die Brücke über die Ringbahn noch, mit der die Sonnenburger Straße nach Norden
in die Schönfließer Straße überging,
1953 führt ein Behelfssteg von der Sonnenburger hinüber auf den Rest der (später abgerissenen) Brücke
Die Häuser Nummer 14 bis 16 wurden zusammen gebaut und verfügen über einen gemeinsamen Tiefkeller, dh. unter den "normalen" Mieterkellern befindet sich eine weitere Kelleretage. Neben den Hauseingängen sieht man jeweils eine mannshohe Doppeltür. Wenn man Glück hat und eine gerade offensteht kann man hinunterschauen auf eine lange Treppe mit eingefügten Schienen, auf denen mittels Seilwinde Lasten hoch und runter gezogen wurden. Ursprünglich dienten die Unterkeller der Lagerung von Eis, das im Winter auf Brandenburgs Seen geerntet, mit der Bahn antransportiert und eingelagert wurde. Der Boden zeigt noch Ablaufrinnen. Zugänglich war der Keller nicht nur von der Straße aus, sondern auch von der Ringbahn aus - was noch gut zu erkennen ist, wenn man auf die Fußgängerbrücke tritt und nach unten schaut.
und so sah die Brücke kurz nach ihrer Fertigstellung 1913 aus:
Schoenfliesser Bruecke
das erste Haus hinter der Brücke ist die Nummer 16, in meinem Roman das fiktiv-reale "Weiszheithaus" von 1900
nun biegen wir nach links in die Sonnenburger ein, in der zunächst das kulissenhafte Umspannwerk von 1926 auffällt (welches die Bewag 2007 für 5 Millionen verkaufte, hier eine Überraschung, wieviel es 8 Jahre später wert war) übrigens gibt es eine zweite Kopenhagener Straße in Berlin und auch dort existiert ein Umspannwerk, das im gleichen Jahr und vom gleichen Architekten in ähnlichem Stil gebaut wurde
Ein paar Meter weiter klafft eine Baulücke an der Stelle, wo sich früher die Volksschule befand.
(vielleicht hat jemand ein Foto???)
Sie wurde allerdings nicht von Bombentreffern, sondern bei einem tragischen Unfall zerstört.
Im Keller der Schule wurde nach dem Krieg die Munition aus den umliegenden Straßen gesammelt - während in den oberen Geschossen der Unterricht wieder aufgenommen wurde. Bei der Explosion am 26.7.1946 starben neben den beiden sowjetischen Bewachern auch 17 Kinder.
´Mossestrasse
wir überqueren die Gleimstraße und unterqueren den 50igerJahre-Neubau an der Gaudystraße. Auf der anderen Seite der Gaudystraße sehen wir eine schräge Kanalabdeckung, die zur ehemaligen, nach dem Krieg mit dem Jahn-Sportpark überbauten Mossestraße gehört.

Übrigens fehlt auch die nach 1950 neu erstellte Gehwegpflasterung teilweise - und zwar genau auf der Breite der ehemaligen Mossestraße.
weitere Spuren

wir gehen von hier nach links auf der Gaudystraße, Richtung Osten und Schönhauser bis zur nächsten Ecke, der Rhinower Straße und biegen dort wieder links ab Richtung Norden, zurück zur Gleim- und Kopenhagener Straße.

An der Ecke Gleimstraße (Gleimstr. 20)  befand sich bis zum Kriegsende das Radiogeschäft Prohaska:
Von Kapstadt bis Alaska - mit Radios von Prohaska
-
sehr schön beschrieben in dem Buch "Grenzgänger. Wunderheiler. Pflastersteine"

weiter auf der Rhinower Straße kommen wir an der Nummer 11 zur letzten Station unserer kleinen Stadtwanderung:

Marion Samuel wurde am 27. Juli 1931 in Arnswalde (bis 1945 Brandenburg, heute Choszczno in Polen) als Tochter von Ernst und Cilly Samuel geboren. 1935 flüchtete die Familie Ernst und Cilly vor  in die Anonymität der Großstadt Berlin, wo der Vater ein Zigarrengeschäft in der Rhinower Straße 11 eröffnete. Ab 1937 firmierte er im Berliner Adressbuch nur noch als kaufmännischer Angestellter, hatte also wohl seine Selbstständigkeit verloren.

Marion wurde am 1. April 1937 in die 117. Volksschule in der Sonnenburger Straße aufgenommen, musste aber schon für die zweite Klasse in die III. Volksschule der jüdischen Gemeinde in der Rykestraße 53 und später in die jüdische Grundschule in der Choriner Straße wechseln. Nachdem 1942 sämtliche jüdische Schulen im Deutschen Reich geschlossen worden waren, blieb Marion zu Hause, in der kleinen Parterrewohnung Rhinower Straße 11 mit einem Zimmer und Küche. Sie war wohl oft allein. Ihre Eltern mussten seit 1941 Zwangsarbeit bei Daimler-Benz und bei Blaupunkt leisten.

Am 27. Februar 1943 wurden Cilly und Ernst im Rahmen der Fabrikaktion verhaftet. Ihre 11-jährige Tochter Marion wurde am gleichen Tag von der Gestapo zu Hause abgeholt und in die Sammelstelle Große Hamburger gebracht, wo sie drei Tage ohne ihre Eltern ausharren musste. Cilly Samuel wurde mit dem 31.Transport nach Auschwitz gebracht und dort vermutlich am 2.März oder kurze Zeit später ermordet. am 1.3. sah Marion ihren Vater wieder, wurde mit ihm gemeinsam zum Güterbahnhof Moabit gebracht und nach Auschwitz deportiert. Während der Vater zur Zwangsarbeit eingeteilt wurde, wurde Marion am 4. März in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Angehörigen des Häftlings-Sonderkommandos verbrannten ihre Leiche in einer Grube in der Nähe. Ernst Samuel starb zwei Monate später.

Ihre Geschichte hat Götz Aly recherchiert und in seinem Buch "Im Tunnel" öffentlich gemacht.

mit einem Aufruf endet unser Stadtspaziergang:

Nachbarn der angrenzenden Häuser sammeln für Stolpersteine.

Cover Marion Samuel
                       
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Fotos:  Rudolph, Sprink, Siemann Suchhilfe für Legis: Simann heißt manchmal Sielmann oder Seemann oder Siegmann, aber er schreibt trotzig trotzdem Hörspeile, die kann man hoern aif Hörfestspeilen. Wer sagt, dass man nur rinks und lechts velwechsern kann? Literatuir und Geschicten liebt halt jeder auf seine Weise. Deese Schreiberei kommt mir auch komisch vor in der HJauptstadt Brelin Spielflime nud Libertti von Hogler Siemann an dre Neuköllner Oper Ronam und jede Menge weitrerer frehlerhafter Zauberdinge!