Songtexte im Programm von Christine Lather

 
                                               
  Liebes Leben – Lieder für den Tod

 

Christine Lather   |   Gesang
Sergej Simbirev   |   Akkordeon
Dani Häusler   |   Klarinette

Boris von Poser   |   Regie

  Heut Nacht hat mich der Tod besucht
Text: H.Siemann | Musik: W.Böhmer *

Guten Morgen liebes Leben
Text: H. Siemann | Musik: W. Böhmer *

Adieu mein Lieber
Text: H. Siemann | Musik: W. Böhmer *

Himmel und Hölle
Text: H. Siemann | Musik: W. Böhmer *

Idioten
Text: H. Siemann | Musik: W. Böhmer *

So ist es uns ergangen
Text: J. Ringelnatz | Musik: W. Böhmer *

Das Leben ist ein Fenster
Text: R. Gernhardt | Musik: W. Böhmer *

So möchte ich nicht begraben sein
K. Wecker | K. Wecker

Crysantemen
J. Brel | J. Brel

Sie sind nur ausgegangen (aus Kindertotenlieder)
Friedrich Rueckert | G. Mahler

Es ist ein Schnitter
Trad.

  Heute geh ich nach Haus
W. Ambros | G. Danzer

Der Traum vom Fliegen
Alexandra | Alexandra

Ich werde dich lieben
Welch | Dietrich

Carmens Schrei
M. Rivegauche | C.Dumont

Phantom
U. Lindenberg | U. Lindenberg

Apfelböck
B. Brecht | K. Schwaen

Wenn ein Mensch lebt
Puhdys | U. Plenzdorf

Ich hab die Nacht geträumet
Trad.

D Strass von i dra wohne
M. Matter

* Uraufführung

Musikstücke

Tarantella
S. Simbirev

Oblivion
A. Piazzolla

 
       
       
       
       
       
       
       
       
       
                                               
                                               
                                               
 

Heut Nacht hat mich der Tod besucht

Heut Nacht hat mich der Tod besucht,

er war ein Herr mit einem netten Lachen

der reichte mir die Hand und sprach:

Lass uns was Schönes machen

 

Er schnippste leicht mit seiner reich beringten Hand,

die Musikanten spielten laut in allen Ecken

und schöne Menschen sprangen rings umher,

die Tische ächzten unter goldenen Gedecken,

ein Thron ward beigebracht zu meiner Ehr.

 

Er setzte mir die ziselierte Krone auf

und dekorierte mich mit blitzenden Juwelen.

Er hüllte mich in feingewirktes Tuch

und bat, was immer ich begehre, zu befehlen.

das reizte mich zu baldigem Versuch.

 

Ich winkte ihm: Komm nah zu mir!                              

und lass uns langsam tanzen,                            

er sah mich an, ich schmolz dahin,                                

schon schwebte ich in festem Griff                              

es schwoll mir Brust und ihm der Kamm                      

es schrumpften die Distanzen                          

 

Ich fühlte mich so jung und schön

mit langen, schlanken Beinen

des Todes Haut war zart und fest

sein Duft war nicht von dieser Welt

wir liebten lang und wühlten uns

tief in das frische Leinen

 

            Er war so zärtlich, einfühlsam und wunderbar,

            dann löste er die Arme, die ihn fest umschlangen.

            Vielleicht... bestimmt! hätt ich den Schritt gewagt

            und wär mit meinem schönen Tod davongegangen

             - hätt´ er mich nur danach gefragt!

 

Ich wachte auf mit wirrem Haar

und auf zerknülltem Laken

in meinem Bauch ein spitzer Schmerz

in meiner Brust das rasend Herz

in meinem Kopf die dumpfe Angst -

kein Glückstraum ohne Haken.

           

Heut Nacht hat mich der Tod besucht,

er war ein Herr mit angenehmem Wesen

Nun wächst sein Kind in meinem Bauch

ich werde nicht genesen...

 

   

Adieu mein Lieber

Wir saßen lang und rauchten viel beim Wein,

egal war mir, dass es den Teint verdirbt.

Wir lachten, unter anderm über´s Wort           

vom Seemann, der des nassen Todes stirbt,                

brennt man am heißen Kerzenseelenschein      

die Zigarette an, dann gingst Du fort.   

 

Adieu, mein Lieber, mach es gut,                                

pass auf dich auf und fahr nicht gar zu schnell,             

und ruf mich an, wenn Du gut angekommen bist!                     

ich weiß, ich bin nicht grad originell                                         

doch bitt ich Dich, dass Du den Anruf nicht vergisst                

 

 

Am Neumondfreitag war´s, da kreuzte sie,

die schwarze Nachbarskatze, Deinen Weg,

und schaute mich unendlich traurig an!

Ich geb auf so was nichts und überleg:

Es ist ja nur ein dummes Vieh.

Da schreit prompt eine Eule was sie kann!

 

Adieu, mein Lieber, mach es gut,                                

pass auf dich auf und fahr nicht gar zu schnell,             

und ruf mich an, wenn Du gut angekommen bist!                     

ich weiß, ich bin nicht grad originell                                         

doch bitt ich Dich, dass Du den Anruf nicht vergisst                

 

 

Ich bin die Nacht erwacht von einem Alb                    

ich war auf einem Berg, mit einem Kind,                     

ich rief es, doch es hörte nicht auf mich           

es rutschte, fiel und eisig blies der Wind,                     

den Körper sah ich dunkel unterhalb                           

im weißen Schnee und weinte fürchterlich                   

 

Adieu, mein Lieber, mach es gut,                                

pass auf dich auf und fahr nicht gar zu schnell,             

und ruf mich an, wenn Du gut angekommen bist!                     

ich weiß, ich bin nicht grad originell                                         

doch bitt ich Dich, dass Du den Anruf nicht vergisst    

 

 
                                               
                                               
                                               
 

 Idioten

„Der Nachbar kommt nicht mehr zurück“

sprach Paps, „doch lebt sein Geist zum Glück!“

Der Nachbar war so lieb gewesen

und hat mir  Märchen vorlesen.

 

Ich sprach mit ihm in stiller Nacht,

was ich am Tage so gedacht,

darunter manche Heimlichkeit,

die Antwort war – der Nachbar schreit:

 

„(Ich hab genau gesehen wie Du popelst! Das ist eklig! Das ist sooo eklig!)“ 

 

Ich weiß, man soll nichts Böses sagen,

von Menschen, die verstorben sind

doch gibt´s auch unter Toten Idioten!

 

 

An einem Grab stand ich und sann,

da kommt ein Leichenzug heran

und sammelt sich zur Totenfeier,

am Grabmal der Familie Meier

 

die Menschen schwarz in Tüll und Seide,

die Augen rot, die Stirn wie Kreide,

Bunt nur und lang behaart der Sohn.

Da ruft es aus dem Sarg mit Hohn

 

„(Bevor Du Dir nicht die Haare hast schneiden lassen, lege ich mich nicht zur Ruhe, ich nicht!!)“

 

Ich weiß, man soll nichts Böses sagen,

von Menschen, die verstorben sind

doch gibt´s auch unter Toten Idioten!

 

 

Ich war auf einer Segeltour,

mit meinem Freund, wir beide nur

Wir waren noch sehr jung an Jahren,

ganz aufgeregt und unerfahren

 

die Sonne rot, das Meer atlantisch

und alles war enorm romantisch

Nun, kurz und gut: Es ist passiert,

doch plötzlich ruft wer sehr pikiert

 

„(im Namen aller Schweizerischer Ertrunkener sage ich Euch): so öppis unaaständigs macht me doch nöd“

 

Ich weiß, man soll nichts Böses sagen,

von Menschen, die verstorben sind

doch gibt´s auch unter Toten Idioten!

 

 

   

Wenn Du nicht brav bist

 

Wenn Du zur Lebzeit nicht brav bist, mein Kind,

dann kommst Du nachher in .... den Himmel!

 

dort sitzen die Engel in reinlichen Kitteln

und zittern vor Flecken und vor dem Zerknitteln

sie sind nämlich täglich am Bügeln und Waschen

und nix ist mit „wohlig Ambrosia vernaschen“

die Harfen desgleichen, sie haben zu blitzen

wenn Engel auf feuchtkalter Nebelbank sitzen

und klimpern im Takt, selbst wenn wieder mal oben

die Herren mit Donner und Blitzen rumtoben

 

Doch wenn Du zur Lebzeit recht brav bist, mein Kind,

dann darfst Du nachher in... die Hölle!

 

dort brennen die Feuer, die hellen, die heißen,

als erstes kannst Du Deine Kleider wegschmeißen

dann kannst Du Dir selbst Deinen Whirlpool aussuchen

und ist er schon voll, darfst Du hemmungslos fluchen

Du drehst Dich in wilden, verdorbenen Tänzen

mit feurigen Teufel mit riesigen Schwänzen,

das heizt bis die Gier und die Leidenschaft kocht,

und dann wirst Du mit einem Dreizack gelocht!

 

 
                                               
                                               
                                               
 

Unter meinem Kanapee liegt seit vielen Jahren,

ein äußerst dummer Schundroman...

ein Zufall wars, ich sah hinein und schmiss ihn fort!

Er liegt noch dort!

Mein Mann wird tränenvoll erfahren

was heimlich ich gelesen hab´,

Oh Gott, vielleicht schon Morgen!

Das Ding muss ich entsorgen!

 

Ich bin bereit, das Leben kann ich lassen,

Ich habe aufgeräumt,

mein Haus ist, wie man sagt, bestellt

geordnet sind die Teller und die Tassen

ich gehe jetzt...

 

Doch warte, warte Tod, ich hab noch was zu tun!

Es ist sehr wichtig und es braucht nur wenig Zeit!

Warte Tod, danach bin ich bereit!

Nur dieses noch, dann will ich ewig ruhn!

 

Unter meinem Negligee, hinter den Geschenken

im alten dunklen Kleiderschrank,

im grauen Pappkarton und fast noch unbenutzt

liegt ein Gerät...

Mein Gott, was wird er denken

was ich damit getrieben hab´?

Was mach ich für Geschichten? 

Ich muss das Ding vernichten!

 

Ich bin bereit, das Leben kann ich lassen,

Ich habe aufgeräumt,

mein Haus ist, wie man sagt, bestellt

geordnet sind die Teller und die Tassen

ich gehe jetzt..

 

Doch warte, warte Tod, ich hab noch was zu tun!

Es ist sehr wichtig und es braucht nur wenig Zeit!

Warte Tod, danach bin ich bereit!

Nur dieses noch, dann will ich ewig ruhn!

 

Links in meinem Separee, versteckt in den Romanen,

sind Verse, die ich einem schrieb,

der meine erste  Liebe war. Er ist längst tot.

Mein Mann weiß nichts

und könnte ein Verhältnis ahnen.

Doch streich ich nicht, was ich geliebt:

Ich lass die Verse  rahmen

und ändre bloß den Namen.

 

   

Guten Morgen, liebes Leben,

ach, wie lieb´ ich diese Sorgen,

die der Tag bringt. Zugegeben:

Ich war letzte Nacht zu bang.

Scheint mir nun die Sonne wieder ins Gesicht,

sing ich gern das Froheste der Lieder!

Doch wie lang

doch wie lang

doch wie lang

hört er mich noch?

Ich kenne das von durchwachten Nächten mit meinen kleinen Kindern, wenn sie hohes Fieber hatten. Sie waren heiss, mit nassen Haaren, roten Gesichtchen und haben geschrien, oder der Atem ging unregelmässig. Ich wusste nicht wie gefährlich es wirklich war. Und in der Nacht war alles viel schrecklicher.

Da war es eine riesen Erleichterung, wenn der Tag kam. Das ganze Grauen war weg. Man konnte ja, wenn nötig zum Kinderarzt gehen. Alles rückte von selbst wieder ins rechte Licht.

Guten Morgen, liebes Leben,

ach, wie lieb´ ich diese Sorgen,

die der Tag bringt. Zugegeben:

Ich war manches Mal zu bang.

Schien mir dann die Sonne wieder ins Gesicht

sang ich gern das Froheste der Lieder.

Doch wie lang

doch wie lang

doch wie lang

ist das schon her?

 

Manchmal mitten in der Nacht, da treibt mich etwas aus dem warmen Bett, weg vom vertrauten, atmenden Mann. Ich schliesse die Tür hinter mir, weil ich für mich sein muss.

Ich  sitze dann auf dem Fensterbrett und schaue in die Sterne und habe Heimweh.

Aber wonach? Ich bin ja zu Hause. Eine neue Liebe? Verwirklichung in der Kunst?

Mit den Jahrringen, die ich ansetze wird klarer, dass es damit nichts zu tun hat.

Irgendwo in der Seele gibt es eine Erinnerung an ein anderes Sein, ein Sternweh.

Guten Morgen, liebes Leben,

ach, wie lieb´ ich diese Sorgen,

die der Tag bringt. Zugegeben:

Ich bin manche Nacht zu bang.

Scheint mir nun die Sonne wieder ins Gesicht

sing ich gern das Froheste der Lieder!

Doch wie lang

doch wie lang

doch wie lang

kann ich das noch?

 
                                               
                                               
 
 
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