Rudolf Mosse Biografie 

das Ende der Mossestraße

Spuren heute

Mosse-Straße in Charlottenburg
















































































 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


        PlatzhalterPla
  Rudolf-Mosse-Straße“?

Ich war doch ziemlich verblüfft als ich bei den Recherchen für meinen neuen Roman in alten Stadtplänen des Prenzlauer Bergs auf diesen Namen stieß. Wohl erinnerte ich mich an das mit Einschüssen übersäte Mosse-Palais im Kapitel „Spartakusaufstand“ meines Geschichts-Schulbuchs, auch als Herausgeber des berühmten Tageblatts war mir der Name Rudolf Mosse ein Begriff, aber dass ausgerechnet die Straße, in der ich mein fiktives „Weiszheithaus“ erbauen wollte, 1920 nach dem Multimillionär und Zeitungskönig der Kaiserzeit benannt worden war, hatte ich nicht gewusst.
Unter den Rasenflächen des Jahn-Sportparks lag ein vergessenes Straßenpflaster.
  In der Gründerzeit war Rudolf Mosse nicht nur der bedeutendste Presse-Unternehmer, sondern auch einer der wichtigsten Mäzene der Reichshauptstadt. Geboren 1843 in Posen, hatte er mit 24 Jahren in Berlin eine Werbeagentur gegründet. Seit 1872 gab er das Flaggschiff des preußischen Liberalismus, das Berliner Tageblatt, heraus und in den folgenden Jahren zahlreiche weitere Zeitungen. Ein umfangreicher Anzeigenteil ermöglichte günstigere Zeitungspreise als bei der Konkurrenz, steigende Auflagen wiederum erhöhten den Wert der verkauften Anzeigen.
Rudolf Mosses Konzept revolutionierte den Medienmarkt mit ähnlichen Folgen wie heute die sozialen Netzwerke das Internet.
 
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
 
     
  oben: Silva-Plan 1925, das Weiszheithaus an der Ecke Sonnenburger/ Kopenhagener Straße, direkt an der Ringbahn, ist mit einem Kreuz markiert    
     
       
 

 rechts: Berliner Adressbuch 1928, Straßenverzeichnis
(Süden ist auf dieser Skizze oben9

   
     
       
 
         
 

Rudolf Mosse wendete einen großen Teil seines Vermögens auf wohltätige Spenden, förderte Künstler und Institutionen und errichtete Stiftungen wie die Emilie- und Rudolf Mosse-Stiftung in Charlottenburg. Möglicherweise spendete er auch für die Einrichtung von Sport- und Erholungsstätten auf dem Gelände des ehemaligen Exerzierplatzes zwischen Schönhauser Allee und Nordbahn, welchen die Stadt Berlin 1912 gekauft hatte. Am 8.5.1913 teilte der Magistrat  mit: „Um das Andenken ihres Mitbürgers, von dessen lebendigem Gemeinsinn und warmen Interesse für seine Heimatstadt auch diese neueste Stiftung ein nachdrückliches Zeugnis ablegt, zu wahren, will der Magistrat in Anregung bringen, dass der Name des Stifters in einer der künftig neu zu benennenden Straßen fortlebe.“

 

Nach dem Krieg wurde das Vorhaben umgesetzt: Die Südhälfte der Sonnenburger Straße, die quer durch den ehemaligen Exer verläuft, trug ab Mai 1920 den Namen „Rudolf-Mosse-Straße“.

Den Nazis waren jüdische Straßennamen und vor allem der des Liberalen Rudolf Mosse ein Dorn im Auge, weshalb sie 1935 die Benennung aufhoben. Sie tilgten biografische Spuren, ließen die Gemäldesammlung verkaufen und liquidierten die Firma. Die Zerstörung von Archiven und des Mosse-Palais im Krieg, die Ermordung oder erzwungene Emigration von Familienmitgliedern taten ein übriges, die Erinnerungen zu trüben.

 
         
Die Wissenschaftler des MARI (Mosse Art Research Initiative) haben jüngst die bisher allgemein verbreitete Annahme widerlegt, die Firma Mosse sei infolge der Weltwirtschaftskrise bankrott gewesen. Sie fanden insbesondere in den erhaltenen Handelsregisterakten keine Belege für den Konkursantrag, den Hans Lachmann-Mosse am 13. September 1932 beim Amtsgericht Charlottenburg gestellt haben soll, sondern Hinweise auf eine brutale und gleichzeitig formal getarnte Arisierung.  Mehr im MARI Forschungsprojekt
         
 
         
    links: Ausschnitt Pharus-Plan von 1958, hier gibt es die Mosse-Straße nicht mehr; die Brücke über die Ringbahn wurde 1944 von einer Luftmine getroffen und erst in den 70igern als Fußsteig wieder aufgebaut  
     
     
     
       
   

Die Straße wurde nach dem Krieg nicht rückbenannt, weil der Kapitalist im Sowjetischen Sektor von Berlin  als „Klassenfeind“ galt.
Für das Deutschlandtreffen der Jugend 1950 und die Weltfestspiele im folgenden Jahr wurde das Gelände des Exer eingeebnet, die Mosse-Straße mit Trümmerschutt bedeckt. FDJ-ler errichteten in freiwilligen Arbeitseinsätzen Sportanlagen und ein Stadion. Seitdem endet die Sonnenburger Straße an einem Neubau in der Gaudy-Straße.

Im äußersten südlichen Teil ist ein kurzes Stück der Mosse-Straße erhalten, das heute Eberswalder Straße heißt. Spuren ihrer unterirdischen Existenz finden sich reichlich.

 
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
 
         
 

Bis heute hängt die kollektive Erinnerung schief: Im Sportpark erinnert nichts mehr an den großzügigen Mäzen, statt dessen sind die Namen des Antisemiten Friedrich Ludwig Jahn und des Nazi-Vorzeigeboxers Max Schmeling in aller Munde.
Ich möchte die Vorbereitungszeit bis zur Umgestaltung des Sportparks nutzen, um die Erinnerung an Rudolf Mosse, Umfang und Beweggründe seiner Spenden und zugleich an die große Bedeutung jüdischer Mäzene für Berlin (wieder) wachzurufen. Am 8. September 2020 jährt sich der Todestag Rudolf Mosses zum hundertsten Mal.

 

Nötig sind weder ein Denkmal noch die Rückbenennung der Straße, sondern Prozesse, die möglichst viele Anwohner, Sportler, Fußball-Fangruppen und andere Interessierte für einen langen Zeitraum einbeziehen. Denkbar wären Stadtführungen auf den Spuren Rudolf Mosses, Geldsammlungen für eine Stiftung zur Finanzierung eines jährlichen Rudolf-Mosse-Turniers oder -Laufes, Forschungsprojekte zu Rudolf Mosse und zum jüdischen Mäzenatentum. Besonders gefallen würde mir die Benennung des neu zu errichtenden Stadions nach Rudolf Mosse.

 
     
     
     
     
     
     
     
     
Nachtrag: Inzwischen hat sich eine Gruppe von Fußballfans, Hobbyhistorikern, Antifaschisten
und Nachbarn zusammengetan, die das
Projekt Mosse Erinnern! unterstützt