Erfurt Südost 30 Jahre danach: "Das Licht am Ende von Tunnel B"
ein Feature von Holger Siemann,
43 Minuten, Regie Anna Panknin

Ursendung auf Deutschlandfunk am 28. Mai 2019, 19.15 Uhr
                       

1988 lief in den Kinos der DDR ein Vorfilm, der von jungen Leuten im Werk Erfurt Südost des Kombinates Mikroelektronik Karl Marx berichtete. Sie stellten Chips und Prozessoren her, die den Sozialismus schöner und überlegen machen sollten.
Eine von ihnen war Kirsten Münch, mit Anfang 20 gut verdienende Elektronikfacharbeiterin – und im sechsten Monat schwanger. Das Kind war ungeplant, aber sie freute sich darauf und wollte nach dem Babyjahr unbedingt zurück in „ihre“ Schicht, zu den Kollegen, die auch ihre Freunde waren.
Doch nach dem Babyjahr sah ihre Welt ganz anders aus. Die Mauer fiel, das Kombinat wurde abgewickelt, die DDR verschwand.
30 Jahre später habe ich sie gefragt, was aus ihren Hoffnungen und aus dem Kind geworden ist.  

Hans-Jürgen Straub arbeitete seit 1984 in der Planung des Kombinats Mikroelektronik. Er gehörte zu jener Generation jüngerer Ökonomen, die versuchten, den Sozialismus zu modernisieren. Die Ideen von Perestroika und Glasnost faszinierten ihn, aber die Betonköpfe der Nomenklatura ließen ihn gegen Wände laufen.
Im Zusammenbruch der DDR-Volkswirtschaft sah er plötzlich Möglichkeiten, selbständig und kreativ zu handeln. Und was blieb ihm auch anderes übrig? Die Treuhand privatisierte im Einzugtempo, Fachkräfte flohen in den Westen.
Er rettete, was zu retten war, zerschlug und gründete, entließ und verschlankte, stritt sich in Berlin, telefoniert durch halb Europa auf der Suche nach Investoren und Partnern, sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag. Als Geschäftsführer stand er für die Bilanz gerade, als Arbeitgeber bot er eine Projektionsfläche für Enttäuschung und Wut, als Ehemann erklärte er seiner Frau „wenn ich nach Hause komme sage ich Bescheid“. Nach zwei Jahrzehnten und zahlreichen Beinahe-Katastrophen ist es geschafft: Die X-Fab Erfurt hat mit der Fertigung hochspezialisierter Chips ihren Platz in der Weltwirtschaft gefunden.

 

Frau Lenkert mag Worte wie Kontenstellen, Verbrauchschlüssel und Planziffern. Im Kombinat Mikroelektronik war sie als Hauptbuchhalterin verantwortlich n das System der Lohn-und Finanzbuchhaltung. Die Wende hat sie nicht kommen sehen. Die DDR war ihre Welt. Frieden und Sozialismus gehörten zusammen.
Doch für Trauer oder Angst um ihren Arbeitsplatz blieb ihr keine Zeit.
Während in anderen Teilen des Kombinats bereits das Licht ausging, arbeitete die Buchhaltung auf Hochtouren. In höchste Eile mussten Abschluss-, D-Mark und Eröffnungsbilanzen erstellt werden, wurden Buchhaltungen abgespalten und Betriebe ausgegründet, Kredite verbucht, Löhne neu berechnet, Sozialleistungen gestrichen und Kurzarbeitsgelder beantragt.
Wer konnte, machte sich vom Acker und suchte Arbeit im Westen. Peu à peu verschwanden die guten Bilanzen vom Schreibtisch der Buchhalterin Lenkert. Was blieb, waren die hoffnungslosen Fälle, die Schulden, die Kurzarbeit-0-Teile des ehemaligen Kombinats. Hinter jeder Lohnsteuerkarte ein Schicksal, in der jeder Entlassung eine Tragödie. „Natürlich war das schwer“ sagt sie und verstummt. Ihr Mann ergänzt: „Sie hat Krebs gekriegt“.
Besiegen kann man den Krebs nicht, sagt Frau Lenkert 2018, aber damit leben. In der Reha hat sie gelernt das Leben ruhiger anzugehen. Mit ihrem Mann ist sie nach Jena gezogen, verbringt die Sommer im Garten, arbeitet ehrenamtlich in der Seniorenhilfe und sammelt die Zeitungsberichte über ihren Sohn, der Bundestagsabgeordneter für die Linken im Saale-Holzland-Kreis ist.

 

 

Kirsten Münch wohnt heute in einer kleinen, aber liebevoll gestalteten Wohnung an einer viel befahrenen Erfurter Straße. Allein. Die mittlerweile 30-jährige Tochter ist nach Hamburg gegangen, der Verlobte ist dort bei der Bundeswehr. Sie war erst kürzlich dort. Hafenrundfahrt, Essen gegangen. Viel Urlaub hat sie nicht. Seit 18 Jahren arbeitet sie, ja was eigentlich? Irgend was mit Zahlen. Es macht ihr keinen Spaß und die Chefin ist naja.
Ihre Mutter ist inzwischen gestorben ist. Putzfrau war sie, alleinerziehend, mit fünf Kindern. Sie hatte, trotz aller sozialpolitischen Wohltaten der DDR, ein schweres Leben. An den DEFA Film von 1988 hat Kirsten Münch bis zu unserem Telefonat gar nicht mehr gedacht, aber letzte Woche haben Freunde eines Abends die DVD mitgebracht und vorgespielt. Wie sie aussah! Die Frisur! Hat sie wirklich gesagt, dass ihre Tochter kein Wunschkind war? Heute weiß sie, dass ihr nichts besseres widerfahren konnte als dieses Kind. Sie ist stolz auf ihre Tochter. So gesehen ist eigentlich alles gut gegangen..

Auch Hans-Jürgen Straub ist in den Ruhestand gegangen, mit 60 Jahren, „solange man noch was davon hat“. In den Gängen von X-Fab grüßen ihn die Mitarbeiter, sie mögen ihren ehemaligen Chef und umgekehrt scheint es ähnlich zu sein. Die größten Abenteuer seines Lebens haben sich hier abgespielt.
Überall rauscht es, unaufhörlich wird die Luft von Fusseln und Staubteilchen gereinigt. Wir kleiden uns in Haarnetz, Kittel und Füßlinge, bevor wir die Reinsträume betreten.
Die ESO Hallen sind noch immer so strukturiert wie früher und anders als die meisten Chipfabrik der Welt: von einem Hauptgang gehen die Bearbeitungstunnel ab wie Zinken eines Kammes. An den Zugangstüren steht, was dahinter gemacht wird.
Tunnel D Belichtung und Prüfung. Tunnel C ätzen und Prüfung. Und dann stehen wir plötzlich vor Tunnel B, wo unsere Geschichte anfing.


                       
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Fotos:  Rudolph, Sprink, Siemann Suchhilfe für Legis: Simann heißt manchmal Sielmann oder Seemann oder Siegmann, aber er schreibt trotzig trotzdem Hörspeile, die kann man hoern aif Hörfestspeilen. Wer sagt, dass man nur rinks und lechts velwechsern kann? Literatuir und Geschicten liebt halt jeder auf seine Weise. Deese Schreiberei kommt mir auch komisch vor in der HJauptstadt Brelin Spielflime nud Libertti von Hogler Siemann an dre Neuköllner Oper Ronam und jede Menge weitrerer frehlerhafter Zauberdinge!